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Als die Bergbahn 'stiften' ging

Wer nach Wildbad in den Nordschwarzwald als Kurgast oder Tagesausflügler kommt, fährt mit Sicherheit mit der Bergbahn aus dem tiefen Enztal hinauf auf den Sommerberg. So wie das Münster zu Ulm, das Schloss zu Heidelberg und das Volksfest zu Bad Cannstatt gehören. So bilden Wildbad und die Sommerbergbahn schon immer ein unzertrennliches Paar.

Schon immer? Genau seit dem 21.Mai 1908, aber das ist schon so lange her, dass sich kein alter Wildbader mehr daran erinnern kann, also „schon immer“. Damals hatten Stadtschultheiß Baetzner und weitsichtige Wildbader Männer wie der Badearzt Josenhans für den Bau der ersten Bergbahn in Württemberg geworben und ihn auch durchgesetzt. Manch alter Wildbader hatte zwar im Rat gegrummelt oder im Wirtshaus lautstark gegen dieses Projekt seine Stimme erhoben - aber zum Glück wurde damals noch das gemacht, was der Stadtschultheiß sich in den Kopf gesetzt hatte.

Für die Bergbahn begann nun eine wunderbare Zeit: Feine adlige Damen und Herren in bester Kleidung nahmen auf den Holzbänken der offenen Wägelchen Platz, so als säßen sie in den Sesseln des Conversationszimmers im Badhotel. Man vernahm russische AAAHs und englische OOHs, andere schwiegen aus Rührung oder Ergriffenheit oder auch aus Angst, besonders im oberen Teil der Fahrt. Die Kinder standen und staunten und konnten sich nicht genug satt sehen an dem sich ständig weitenden Talblick, den immer kleiner werdenden Häusern und den sich rührenden Kulissen. Und als sogar König Wilhelm II. 1910 anlässlich der Einweihung des Kursaales geruhte, die Bergbahn samt der Frau Gemahlin und dem versammelten Hofstaat zu besteigen, da fühlten sich die Bergbahnwägelchen zu Recht auf immer geadelt.
Drunten in Wildbad bestaunten die Leute tagtäglich die Bergbahn und verfolgten aufmerksam ihre Fahrtstrecke: Beim „Panorama-Hotel“ legte sie einen Zwischenstop ein, auf halber Strecke glitten die Wagen aneinander vorbei, oben vor der Brücke , an der steilsten Stelle, hielt sie noch einmal an, und nach 7 Minuten glitt sie in die Bergstation ein. Die Zimmer mit Bergbahnblick im „Bären“ und in der „Post“ wurden teurer, Stadtschultheiß Baetzner unterbrach im alten Rathaus die Sitzungen, um die Bergfahrt mit seinen Blicken begleiten zu können, und der Stadtpfarrer meinte es den mutigen Fahrgästen schuldig zu sein, ein Bittgebet auf den steilen Weg mitzugeben.

Droben auf dem Sommerberg veränderte sich vieles: das „Sommerberghotel“ wurde gebaut, im schönsten Schwarzwaldstil und mit dem besten Schwarzwaldblick im Königreich Württemberg, Wege wurden angelegt, damit sich das Publikum in ozonreicher Luft nach badeärztlichen Vorschriften ergehen und erholen konnte.
Ja, die Bergbahn setzte einiges in Bewegung und sie war damals der Star in Wildbad. In jedem Tagebuch oder auf jeder Ansichtskarte rühmte man das technische Wunderwerk als Meisterleistung des neuen Jahrhunderts.
Nach dem ersten Weltkrieg verschwanden die russischen AAAas und die englischen OOOH`s. Dafür kamen jetzt Wanderer, die zum Wildseemoor und zum Hohlohturm wollten - und schöne Lieder sangen - aber die meisten Gäste kamen nach wie vor im Kleid oder Anzug, um im „Sommerberghotel“ zu sehen oder gesehen zu werden. Da die Kleider der Damen immer kürzer und dünner wurden, hielt es die Sommerbergbahngesellschaft für geboten, neue geschlossene Wagen einzusetzen, was die alten Wägelchen doch sehr verstimmte.

Im Winter, wenn auf dem Sommerberg tiefer Schnee lag, herrschte ein großes Gedränge in der Bahn. Sie fuhr dann nicht mehr nach Fahrplan, sondern nach Bedarf, das heißt pausenlos. Die guten alten Sitten schienen verloren zu gehen, und oft musste der Schaffner eingreifen - dann hatte aber alles wieder seine Ordnung.
Nach dem 2.Weltkrieg vernahm man viel französische AAAHHHà, die dann durch rheinische, badische und württembergische „Do guck amol“ oder berlinerische „Kick mal, Emma“ abgelöst wurden.
1958 hatte die Bergbahn dann einen großen Tag: das 50. Jubiläum wurde gefeiert, mit vielen Reden, Chorgesang, Gedichten und Theaterspiel. Der Schulchor des Progymnasiums sang droben “Oh Täler weit o Höhen“ und in der Trinkhalle spielte die Theatergruppe der zehnten Klasse ein Stück:“ Als die Bergbahn gegründet wurde“. Die Zeitungen schrieben viel und die alten Wildbader entsannen sich gern und lobten den Weitblick von Stadtschultheiß Baetzner.

Aber schon 4 Jahre später ein Unglück: das „Sommerberghotel“ brannte komplett nieder. Die Bergbahn dachte, jetzt ist es aus - aber das Gegenteil geschah - immer mehr Gäste wollten das neue „Sommerberghotel“ sehen.
Sie kamen aus Stuttgart, Karlsruhe, aus Pforzheim und natürlich aus Wildbad, das jetzt Bad Wildbad hieß - alle Häuser waren das ganze Jahr belegt, und alle Gäste fuhren, wie schon immer, hinauf auf den Sommerberg. Was waren das für Zeiten, hört man heute noch die alten Wildbader sagen.
Ab 1990 vernahm die Bahn ganz unbekannte Laute: „Nu sei mal stille, Madleen“ . Niemand fuhr mehr in Frack und Robe, immer mehr Fahrräder wurden transportiert, die Kinder hüpften mit ihren Wanderschuhen auf den grünen Polstern herum und das gute Publikum fuhr zum Sommerberg mit dem Auto. Dann schloss das „Sommerberghotel“, das doch ein Kind der Bergbahn gewesen war und die Wagen trugen Trauer - wie sollte es weitergehen, ging es überhaupt noch weiter, noch weiter nach unten?
Und dann kam der große Schlag: Junge Burschen, gekleidet mit Beinschienen, Brustpanzern und Helmen, drängten samt ihren Stahlrössern in die Abteile. Wo einst Könige und Fürsten Platz genommen hatten, hingen nun Schlachtrösser oder lümmelten sich die neuzeitlichen Ritter. Und dieselben kamen täglich mehrmals und immer dreckiger. Keine Ahh und Ohhhs, dafür unverständliche englische Brocken und Gehabeausdrücke der schlimmsten Sorte. Hatte man dieses Treiben nötig, konnte ein königlicher Wagen sich das bieten lassen?

Nein, länger wollte es einer der beiden Wagen, den wir „Rosa“ nennen wollen, nicht mehr aushalten: Sie wollte auswandern. Aber wie wandert eine Bergbahn aus? Der rettende Bahnhof lag in unerreichbarer Ferne und fliegen kann eine Bergbahn nun einmal nicht.

Aber nun geschah etwas Unerwartetes: Vom Bahnhof her verlegte man Gleise bis zum Kurpark - wenn es gelänge, auf diese Gleise zu kommen, dann konnte man abhauen, stiften gehen, Richtung Pforzheim, in die Welt.
Aber mit wem sollte Rosa ihr Vorhaben absprechen? Der Schaffner hätte nicht dicht gehalten und mit „Inge“, dem Schwesterwagen, gab es nur an der Ausweichstelle kurzen Kontakt: Zu kurz, um ein gewaltiges Problem zu besprechen.

Hinzu kam eine bis dahin noch nie da gewesene Diskriminierung: Auf einem Schild an der Stirnseite stand: „Schaffnerloser Wagen, bitte nicht einsteigen“. Nur an Wochenenden durfte Rosa Gäste befördern, wochentags fuhr sie als fünftes Rad am Wagen sinnlos rauf und runter. Und deshalb beschloss sie, an einem günstigen Tage sich vom Seil zu lösen und sich aus dem Staube zu machen.

Es regnete mal wieder fürchterlich in Wildbad in jener Julinacht. Kein Mensch war nachts um zehn mehr auf der Straße und auch die Wirtschaften waren leer. Die Enz rauschte, der Regen rauschte, die Bäume rauschten, so dass niemand hören konnte, was da in der Talstation geschah. Rosa sprang zehn Meter vor der Einfahrt aus den Gleisen, brach durch die Türen der Wartehalle, glitt und hoppelte über das nasse Pflaster des Uhland-Platzes und sah schon die Gleise der Bahn vor sich. Da fegte ein Windstoß vom Kurpark her und drückte Rosa im richtigen Augenblick gegen die Rampe des neuen Bahnsteigs. Sie torkelte und drohte zu kippen, fand aber glücklicherweise ihr Gleichgewicht wieder und stand erstaunt in den Gleisen der Enztalbahn: geschafft!

Dank eines starken Rückenwindes wurde sie Richtung Bahnhof geschoben, unbemerkt von den alten Wildbadern, die diesen historischen Augenblick wieder einmal verschliefen. Nur ein stadtbekannter Trinker, der bei diesem Sauwetter Schutz in der öffentlichen Bedürfnisanstalt gesucht hatte, glaubte seinen Augen nicht trauen zu dürfen, als er Rosa vorbeifahren sah. „Mein Gott, bin ich etwa betrunken?“ rief er aus. Bisher hatte er ein solches Ansinnen stets von sich gewiesen, jetzt wurde er unsicher.
Hei, war das ein Gefühl von Freiheit für Rosa. Die Fahrt ging gemächlich, dem natürlichen Gefälle folgend über Calmbach und Höfen nach Neuenbürg. Hier bekam Rosa einen Riesenschrecken, als der Tunnel passiert wurde – sie wähnte sich schon in der Hölle, machte die Augen zu und wunderte sich nicht schlecht, als sie am anderen Ende wieder den Vollmond sah.
Die ständige Rückenlage war für Rosa ungewohnt, und so begann ihr Rücken immer mehr zu schmerzen, je mehr man sich Pforzheim näherte. In Brötzingen kam sie schließlich zum Stehen, der Südwind hatte sich gelegt. Rosa genoss nun liegend ihre Freiheit und schlief im Zwiegespräch mit dem Mond ein.

Am nächsten Morgen füllte sich der Uhlandplatz sehr rasch. Die Nachricht von der verschwundenen Rosa hatte sich wie ein Lauffeuer verbreitet, angefacht von den Bäckern der Stadt und den Frühnachrichten in Radio und Fernsehen. Die früh eintreffenden Wanderer sahen sich um ihre Tagesplanungen betrogen, die Biker scharrten ungeduldig mit ihren Hinterrädern, auffallend viele Schüler des Gymnasiums schwänzten die Schule, und die Stadtoberen beratschlagten vor Ort. Lautsprecher der Polizei fuhren durch die Stadt : „... wer Angaben über das Verschwinden von Rosa machen kann, soll sich bei der Stadtverwaltung melden!“ Die Polizei suchte nach Spuren und sperrte schließlich den gesamten Bereich des Uhlandplatzes weiträumig ab, sodass sich die Menge auf den Kurplatz zurückziehen musste.

Wilde Gerüchte, Schuldzuweisungen und allerlei Spekulationen machten die Runde. Bürgermeister Dr. Jocher verdächtigte die Neuenbürger dieses dreisten Diebstahls, weil diese eine Bergbahn zum Schloss bauen wollten, aber, wie alle Enztalgemeinden pleite sind. Der Vorsitzende des Kurvereins, Hotelier Weingärtner, vermutete die Kurverwaltung von Liebenzell hinter dieser Sache, war aber klug genug, diesen Verdacht nicht öffentlich auszusprechen, sondern sich mit allgemeinen Andeutungen zu begnügen: „Die Konkurrenz schläft nicht“ oder „ da wird noch manches ans Tageslicht kommen“. Die verbliebenen Wirte vom Sommerberg machten die Talwirte verantwortlich, denen der Kapitalabfluss auf den Sommerberg seit 1908 ein Dorn im Hotelierauge gewesen sei. Die Metzger und Bäcker glaubten an einen Abischerz der Gymnasiasten, und die schon erwähnte zahlreiche Anwesenheit derselben deutete durchaus in diese Richtung. Der herbeigeeilte Schulleiter widersprach heftig, er sei über alles informiert, was an der Schule laufe.

Der Betrunkene wollte Meldung machen, aber man ließ ihn wegen seiner Fahne nicht zum Bürgermeister vor. Die Kriminalpolizei ermittelte in alle Richtungen und hielt einen terroristischen Anschlag nicht für ausgeschlossen, weshalb die wenigen amerikanischen und israelischen Gäste im „Bären“ sich zur Abreise entschlossen. Immer mehr Fernsehanstalten drängten nach Wildbad. Auf der Suche nach alten Wildbadern kamen sie an der Wirtin des Eiscafes Venedig nicht vorbei. „So geht man einfach mit der Bergbahn nicht um, so nicht !“ Dieser Satz stand auch an nächsten Tag in der Bildzeitung und im Enztäler.

So etwas hatte Wildbad schon lange nicht erlebt. Der sich stets in seiner königlichen Lust verspürende Kurdirektor Rieg rieb sich die Hände über soviel Publicity und telefonierte in das einst königliche Württemberg – sprich Stuttgart - , er habe die Lage voll im Griff und werde die Staatsbad-Oase gegen feindliche Übergriffe – evtl. auch seitens der Stadt Wildbad – tatkräftig verteidigen.

Und wie erging es Rosa in Brötzingen auf dem Bahnhof?
Da stand sie auf dem Abstellgleis, als der Morgen graute. Die Lokomotiven, die an ihr vorüber fuhren, staunten nicht schlecht über dieses halb liegende Unikum mit den schiefen Türen. Sie lachten und pfiffen. Die windschnittigen Personenzüge, die ja schon die Welt gesehen hatten, machten sich über Rosa hörbar lustig. Nein, das hatte sie nicht nötig, von diesen jungen Schnöseln angepfiffen zu werden, die weder König Wilhelm II., noch die holländische Königin, noch König Ibn Saud kannten, in deren Wagen noch nie Nobilitäten, Spektabilitäten, Magnifizenzen oder Eminenzen gereist waren. Sittenverfall, wohin man schaute!

Die Eisenbahner dachten sich nichts, als sie Rosa sahen, und gingen ihrer Wege.
Erst um elf Uhr, als die Enztalbahn wieder durch den Bahnhof von Brötzingen fuhr, dämmerte es dem Lokomotivführer:“ Da steht sie ja, unsere viel gesuchte Rosa!“ rief er in das Mikrofon, und alle Reisenden schauten nach links. Schnell wurde rangiert und Rosa ließ sich bereitwillig ankoppeln.

Neuenbürg passierte man ohne Vorkommnisse, in Höfen standen die Gäste des Hotels „Ochsen“ an der Bahnschranke und applaudierten. In Calmbach interessierte sich niemand für diese Vorgänge, weil die Calmbacher seit der MBB-Aktienaffaire den Wildbadern alles Schlechte an den Hals wünschen.

Der Wildbader Bahnhof aber war proppenvoll, so wie 1910, als der König die Stadt besuchte. Rosa war dieses natürlich etwas peinlich. Erst als die Stadtkapelle sich an die Spitze eines Zuges setzte und Rosa mit vereinten Kräften in die Stadt gezogen wurde, genoss sie mit jedem Meter mehr diesen Einzug. An der Haltestelle Bergbahn hob man Rosa aus den Geleisen und schob sie an den angestammten Platz, wobei sich die Schüler der Oberklassen des Gymnasiums und die Feuerwehr besonders auszeichneten. Bürgermeister Dr. Jocher hielt eine kurze Ansprache und versprach, mit der Bergbahn in Zukunft sorgsamer umzugehen, es sei schließlich ein Kulturdenkmal. Als ihn die Venedig-Wirtin auf die Sauerei mit den Bikern ansprach, wiegelte er gekonnt ab: Man werde sich das auf dem Rathaus noch einmal überlegen, nichts sei endgültig, und es gäbe immer auch bessere Lösungen.
Eines aber könne er jetzt schon versprechen: im Jahre 2008 soll eine große Feier zum 100. Bergbahnjubiläum stattfinden, das sei man der Bergbahn und den alten Wildbadern schuldig; mit einem Blick auf den Schulleiter sagte er, der Schulchor werde hoffentlich wieder „O Täler weit, o Höhen“ singen. Im Übrigen sei man froh, dass Rosa wieder voll einsatzfähig sei.

Als diese dann wieder zum Sommerberg hinauffuhr, voll bepackt mit Wandergruppen, und auf Stadt, Tal und Berge blickte, schwor sie, nie mehr auszubüchsen, denn für eine Bergbahn gibt es keinen schöneren Platz auf der Welt als den Sommerberg in Bad Wildbad.