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Geschichte der Enztalbahn

9,5 Stunden brauchte die rumpelnde Postkutsche von Stuttgart nach Bad Wildbad
9,5 Stunden brauchte die rumpelnde Postkutsche von Stuttgart nach Bad Wildbad

Mit der Kutsche von Stuttgart nach Wildbad zu gelangen war unbequem und zeitraubend, die Reise mit der Eisenbahn erleichterte und verkürzte den Weg erheblich: Statt 9,5 Stunden in der rumpelnden Postkutsche war die Strecke per Bahn schon in 2,5 Stunden zu bewältigen.

Die Bauarbeiten der Enztalbahn als Teil der Württembergischen Staatsbahnen begannen im Jahr 1865 unter Leitung von Oberbaurat Carl Julius Abel. Die Baukosten beliefen sich auf 7,6 Millionen Mark. Besonders kostspielig waren die streckenweise Verlegung der Enz und der bestehenden Straße und der Bau des Schlossbergtunnels in Neuenbürg. Aber auch das aus Repräsentationsgründen für den Ort übergroße Bahnhofsgebäude in Wildbad machte einen nicht unwesentlichen Teil der Kosten aus.
Am 8. Juni 1868 wurde die erste offizielle Fahrt der neuen Enztalbahn durchgeführt: „Eine mäßig geschmückte Lokomotive, welcher ein Personenwagen und mehrere Gepäckwagen angehängt waren“, so ein Bericht im Enzthäler vom 11. Juni 1868, brachte etwa 30 Eisenbahnbau- und Finanzbeamte nach Wildbad, die im Anschluss im Badhotel dinierten, aber nicht wirklich feierten. „Keine Rede, keine Musik, keine Böllersalven, kein Hoch verkündeten der … versammelten Menge von Einheimischen und Fremden, dass dieser Tage ein Instrument ins Leben trete, welches für Wildbad von folgewichtiger Bedeutung sein dürfte“, so der Zeitungsbericht weiter. „Man wollte, der schon länger angenommenen Praxis entsprechend, dass kleinere Bahnstrecken ohne alle Feierlichkeiten eröffnet werden, auch diesmal alles Festgepränge geflissentlich vermeiden.“

Ab dem 11. Juni 1868 konnten alle mit der neuen Bahn fahren. Der sogenannte „beschleunigte Personenzug“ brauchte 50 Minuten von Pforzheim nach Wildbad und hatte sechs Stationen – Brötzingen, Birkenfeld, Neuenbürg, Rothenbach (hier saß das Sägewerk Krauth & Co), Höfen und Calmbach. Wobei zunächst nicht wirklich „alle“ sich die Bahn leisten konnten, da die Fahrpreise recht hoch waren. So nutzten das neue Verkehrsmittel in der ersten Zeit vor allem Fürsten, Reiche, Militärangehörige und gutbesoldete Beamte.

Schon am 12. Juni 1868 beehrte König Karl von Württemberg die neue Bahnstrecke. Dazu meldete der Enzthäler: „Neuenbürg. Seine Majestät unser König haben Sich, mit einem Extrazuge aus Pforzheim her heute Morgen nach 9 Uhr hier durchreisend nach Wildbad begeben“ und das Badeblatt für Wildbad, Teinach, Liebenzell & Herrenalb schreibt in fetten Buchstaben: „Wildbad, 10 Uhr Vorm. Soeben trafen Seine Majestät, König Karl, in Begleitung Höchst-Ihres Adjutanten, Freiherr v. Spitzemberg, hier ein und nahmen im K. Bad-Hotel Absteigequartier“. Kurioserweise wird in der Meldung des Badeblattes überhaupt nicht erwähnt, dass der König die neue technische Errungenschaft der Eisenbahn für seine Reise nutzte.

König Karl von Württemberg musste bei seiner Fahrt 1868 noch ein wenige Kilometer langes Teilstück zwischen Pforzheim und Birkenfeld über badisches, also ausländisches Territorium nehmen, weil kein anderer Zugang ins Enztal möglich war. Für dieses kleine Stück war eigens ein Staatsvertrag zwischen den beiden Ländern abgeschlossen werden, der den Bau der württembergischen Staatsbahn über badisches Land regelte.

Ab 1874 verband dann ein Gleisdreieck in Brötzingen die in jenem Jahr fertiggestellte Nagoldtalbahn von Calw nach Pforzheim mit der Enztalbahn, so dass eine direkte Verbindung von Stuttgart über Calw nach Wildbad möglich war, ohne dass Pforzheim angefahren und nur wenig badischer Boden berührt werden musste. Das Gleisdreieck wurde während des Dampfzeitalters zwar auch zum Wenden benötigt, es diente aber vor allem dem Sonderzugverkehr des Hofes von Stuttgart nach Wildbad. Daher hieß diese Verbindungskurve auch „Königskurve“, normaler Zugverkehr wurde über sie zu keiner Zeit abgewickelt. 

Fuhren im Sommer 1869 lediglich 6 Personenzüge täglich auf der Strecke, waren im Sommer 1912 sechs Schnellzüge und 21 Personenzüge sowie sechs reine Güterzüge täglich unterwegs.

Ab 1910 konnte man im Sommer per Kurswagen direkt von Berlin nach Wildbad gelangen, das dauerte allerdings 12 Stunden. Im Jahr 1914 gab es einen sogenannten württembergischen Bäderzug, der auf seiner Fahrt von Stuttgart nach Wildbad nur an wenigen Stationen (Zuffenhausen, Leonberg, Calw, Liebenzell, Neuenbürg) hielt. Nach dem ersten Weltkrieg wurde diese Verbindung allerdings nicht wieder aufgenommen.

Das Bahnhofsgebäude

Das Bahnhofs-/Verwaltungsgebäude in Bad Wildbad entstand in den Jahren 1868 bis 1870. Der Enzthäler vom 16. November 1869 schreibt: „Die definitive Erstellung des Verwaltungsgebäudes, sowie das Beziehen der Dienstlokale in demselben dürfte nicht vor dem Vorsommer nächsten Jahres zu erwarten sein, da mit Anlegung der Zufahrtsstraße und Planierung derselben bis jetzt nichts geschah.“ Einen Bericht über eine offizielle, feierliche Eröffnung des Bahnhofsgebäudes gibt es nicht, so dass davon auszugehen ist, dass es 1870 still und leise vollständig bezogen wurde. Allerdings wurde das Gebäude schon 1868 zumindest teilweise genutzt, denn das Telegraphen-Büro, das sich zuvor im Bad-Bureau (im Parterre des Hintergebäudes des Bad-Hotels) befunden hatte, zog bereits im Juni 1868 in den Bahnhof um.
Das Wildbader Bahnhofsgebäude gilt als „königlicher“ und „elegantester“ aller Bahnhöfe Württembergs. Wildbad war die bedeutendste Bäderstadt in Württemberg und zur Zeit seiner Blütezeit im 19. Jahrhundert gaben sich hier die gekrönten Häupter Europas die Ehre. Daher wurde in dem Badeort ein außergewöhnlicher Bahnhof für einen repräsentativen Empfang gebaut. „Die ganze Pracht ist zur Straße hin dargeboten: Gusseiserne Ringsäulen bilden ein mächtiges Portal, das von einem umlaufenden Ornamentfries noch betont wird. Nur bei genauem Hinsehen entdeckt der Besucher die reliefartig eingelassenen württembergischen Symbole: Löwen- und Hirschkopf“, so Hammer und Arbogast in ihrer Veröffentlichung über Alte Bahnhöfe in Württemberg. Im linken Teil des Gebäudes war der Empfangssalon für die hochrangigen Bahnreisenden untergebracht. 

Weitere Entwicklung

Nach dem Zweiten Weltkrieg kamen die Kurgäste unter anderem mit Kurswagen aus Dortmund/Frankfurt und Hannover/Kassel. Im Laufe der Jahre jedoch sanken die Fahrgastzahlen auf der Bahnstrecke, auch weil der Individualverkehr mit dem Auto immer mehr an Bedeutung gewann. Es wurde ernsthaft über eine Stilllegung der Strecke diskutiert. Schließlich wurde als mögliche Alternative der Vorschlag einer elektrischen Stadtbahn zwischen Pforzheim und Wildbad mit Verlängerung der Bahnlinie durch die König-Karl-Straße bis zum Kurparkeingang geprüft und schließlich durch die Albtal-Verkehrs-Gesellschaft (AVG) auch realisiert. Die Stadtbahnlinie S6 bis zum Wildbader Bahnhof wurde am 14. Dezember 2002 eröffnet und am 4. Oktober 2003 – also vor 15 Jahren, auch ein kleines Jubiläum! - folgte die Einweihung der innerstädtischen Verlängerungsstrecke bis zur heutigen Endhaltestelle Bad Wildbad Kurpark.